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Anarchismus

Jeder Marxist-Leninist erkennt zumindest Karl Marx, Friedrich Engels und Lenin als „wissenschaftliche Autoritäten“ an. Bei den Anarchisten sucht man dagegen vergeblich nach derartigen „Klassikern“, die für alle verbiindlich sind. So verschwommen sich die anarchistische Bewegung als solche darstellt, so schwer überschaubar sind ihre ideologischen Grundlagen. Letztlich bleibt auch das eigentliche politische Endziel unklar.

Der Begriff „Anarchismus“ umschreibt eine Vielzahl von Theorien und Utopien, die alle eine „freiheitliche Gesellschaft“ ohne Herrschaft und Gewalt von Menschen über Menschen propagieren. Diese absolute Freiheit ist das Ziel sozialrevolutionärer Bewegungen, die jegliche politischen und gesellschaftlichen Zwänge abschaffen wollen. Die ebenfalls als unumgänglich angesehene Revolution zielt auf die sofortige Auflösung des Staates. In dem dann entstehenden Machtvakuum soll das Zusammenleben der Individuen auf der Grundlage freier Übereinkunft und Selbstverwaltung möglich werden.

Nach Überzeugung der Anarchisten ist nicht eine bestimmte Klasse („Arbeiterklasse“) Trägerin der Revolution. Vielmehr sind dies alle Menschen „guten Willens“, die für ihre Befreiung von „Herrschaft“ sowie von der angeblichen Instrumentalisierung durch Staat und Wirtschaft kämpfen: soziale Randgruppen, gesellschaftlich Ausgegrenzte, aber auch Intellektuelle und Teile der Arbeiterschaft. Die Revolution bedarf dabei – so sieht es die Mehrzahl der Anarchisten – keiner Avantgardepartei wie beim Marxismus-Leninismus. Nach ihrer Ansicht spiegelt eine solche bereits selbst in ihren autoritären Hierarchien die entfremdenden Strukturen des „Systems“ wider und kann daher nicht zur Befreiung, sondern nur zu weiterer Entfremdung und Unterwerfung führen. Dagegen muss, so die Forderung der Anarchisten, in anarchistischen Zusammenschlüssen schon hier und heute möglichst herrschaftsfrei gearbeitet und gelebt werden.

Die Frage nach der Strategie und Taktik der „Befreiung“ wird im Anarchismus unterschiedlich beantwortet. Allen anarchistischen Konzepten, ob militant oder gewaltfrei, ist allerdings ein unversöhnlicher Antiparlamentarismus gemeinsam. Die Eroberung der parlamentarischen Mehrheit ist für Anarchisten sinnlos: Ihnen geht es gerade nicht um die Erlangung von Macht, sondern um die Beseitigung des Staates.
Dementsprechend ist aus ihrer Sicht eine Beteiligung an Wahlen lediglich dazu geeignet, das „System“ in den Augen der Massen zu legitimieren, während die Teilhabe an parlamentarischer Macht korrumpiert und überdies zur Schwächung des revolutionären Elans beiträgt.

Anarchisten befürworten spontane „direkte Aktionen“, an denen der Einzelne unmittelbar beteiligt ist. Durch Streiks, Blockaden, Besetzungen, aber auch gezielte Anschläge sollen Institutionen der Mächtigen und des Staates behindert und schließlich lahmgelegt werden. „Freiräume“, beispielsweise Häuser und Bauplätze, sind zu erobern oder zu besetzen. In diesen „befreiten Gebieten“ kann selbstbestimmt, „autonom“ gelebt werden; von ihnen aus muss um weitere „Freiräume“ gekämpft werden, die untereinander zu „vernetzen“ sind. Überall sollen schließlich „Selbstverwaltungen“ an die Stelle der staatlichen Verwaltung treten.

Strittig ist die Frage nach der Anwendung von Gewalt bei der antistaatlichen Revolte. Dabei darf nicht übersehen werden, dass auch die Anhänger der „gewaltfreien Revolution“ Gewalt keineswegs generell ausschließen, sondern nur solche, die sich gegen Personen richtet – weil diese, so heißt es, im Gegensatz zu Sachen Schmerz empfinden.

Die Ablehnung des Parlamentarismus als solchem bedeutet die Nichtakzeptanz der Form indirekter Willensbildung und Herrschaftsausübung westlicher Demokratien. Damit ist auch die Negierung tragender Prinzipien der freiheitlichen demokratischen Grundordnung verbunden: Unter anderem werden das Recht des Volkes, die Staatsgewalt in Wahlen und Abstimmungen durch besondere Organe, u. a. der Gesetzgebung auszuüben, oder die Verantwortlichkeit der Regierung abgelehnt. Das politische Endziel einer Gesellschaft, in der das Zusammenleben der Menschen auf der Basis von Selbstverwaltung und freier Übereinkunft geregelt werden soll, bedeutet in letzter Konsequenz nichts anderes als die Errichtung einer Gewalt- und Willkürherrschaft, in der das Recht des Stärkeren in einer ansonsten regellosen Gesellschaft entscheidet.