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30. Todestag von Scientology-Gründer L. Ron HUBBARD (Teil 1)

Scientology-Organisation     12 | 2015

Im Januar 2016 jährt sich der Todestag von L. Ron HUBBARD, dem Gründer der „Scientology-Organisation“ (SO), zum 30. Mal. HUBBARD ist bis heute nicht vom Wesen und Auftreten der SO zu trennen. Seine Person und sein Leben werden in Scientology zur Legende verklärt, ja geradezu verzerrt. Aber wer war HUBBARD wirklich?

„Philosoph“, „Künstler“, „Lyriker“, „Forscher“, „Menschenfreund“, „Freiheitskämpfer“ – kein Attribut scheint der „Scientology-Organisation“ zu groß, um ihrem Gründer L. Ron HUBBARD gerecht zu werden. Dabei weichen jedoch bereits die von Scientology veröffentlichten Beschreibungen seines Lebens mitunter erheblich voneinander ab. HUBBARDS Tod jährt sich am 24. Januar 2016 zum 30. Mal. Für Scientology ist sein Todestag allerdings kein Termin für ein Gedenken oder ein Innehalten; seinen Geburtstag im März feiert sie dagegen jedes Jahr weltweit. Auf Außenstehende wirkt der Personenkult, der ihn mythisch überhöht, bizarr und oft befremdlich.

Jugend und Schriftstellerei

Lafayette Ronald HUBBARD wurde am 13. März 1911 in Tilden, Nebraska/USA geboren. Er soll als Einzelkind in einfachen Verhältnissen aufgewachsen sein. Zwei belegbare Aufenthalte in Guam und China zwischen 1927 und 1929 – dort war sein Vater für die US-Marine tätig – mutierten in der Propaganda der SO zu angeblich ausgedehnten Forschungsreisen über den menschlichen Geist. HUBBARD selbst entlarvte das später als Legende. Er gab an, er sei im „Orient“ ein leichtsinniger Jugendlicher gewesen, der wenig über Philosophie nachgedacht habe [L. Ron HUBBARD, „Research and Discovery Series Volume 4“, Los Angeles, 1982, S. 2]. Seine schulischen Leistungen waren eher mäßig, die Universität verließ er ohne Abschluss. In den 1930er Jahren begann HUBBARD, als Science-Fiction-Schriftsteller zu veröffentlichen. Er schien begabt, gehörte jedoch nicht zu den bedeutenden Vertretern des Genres. Häufig veröffentlichte er in „Pulps“ (Groschenheften).

Zweiter Weltkrieg und persönliche Krise

1941 begann nach dem Kriegseintritt der USA HUBBARDs militärische Laufbahn. Er befehligte als Lieutenant im Pazifik zunächst einen U-Boot-Jäger. Mit seinen Leistungen war man jedoch unzufrieden, so dass er sein eigenständiges Kommando verlor. Darüber hinaus diente HUBBARD als Nachrichtendienstoffizier. Das erscheint insofern von Bedeutung, als er dort Grundlagen nachrichtendienstlicher Tätigkeit erlernt haben dürfte, die er später für die Geheimdienstabteilung der SO nutzen konnte. Eine Teilnahme an nennenswerten Kampfhandlungen ist nicht bekannt. Aus den Marineakten ergeben sich auch keine schweren Kriegsverletzungen, wie die SO später behauptete („verkrüppelt und erblindet“) [Z. B.: Scientology Publications (Hrsg.), „Alles über radioaktive Strahlung“, Kopenhagen, 1980, S. 163]. Daher konnte er sich auch nicht mit Hilfe seiner „Forschungen“ von solchen Verletzungen heilen, wie Scientology in manchen Darstellungen glauben machen wollte [Hierzu detailliert: F. W. Haack, Scientology. Magie des 20. Jahrhunderts, München, 1990, S. 30 ff]. Vielmehr schien HUBBARD psychische Probleme zu haben. Ein Dokument aus dem Jahr 1947 deutet auf ein aus den Fugen geratenes Leben hin: In dem Schreiben, gerichtet an die Veteranenverwaltung, deutete er Depressionen und Selbstmordgedanken an und bat um Hilfe [www.spaink.net/cos/LRH-bio/psych.gif]. Falls er eine Behandlung erhalten haben sollte, muss er mit dieser überaus unzufrieden gewesen sein. Seine späteren Schriften waren voller Hass auf die Psychiatrie und prägen bis heute die Feindbilder der SO.

Okkultismus und Dianetik

Nach Kriegsende kam HUBBARD in Kontakt mit dem Okkultismus-Orden „Ordo Templi Orientis“ (O.T.O.), dessen Lehrmeister der berüchtige Aleister Crowley war. Crowley-Biographen zufolge lernte HUBBARD dort vieles, was er später in die „Scientology Kirche“ einbrachte [John Symonds, Aleister Crowley. Das Tier 666, München, 1996, S. 464 ff]. Erbestätigte in einem heute noch von der SO angebotenen Kurs, sich näher mit Crowley befasst zu haben, und bezeichnete diesen als „sehr, sehr guten Freund“, der ein „faszinierendes Werk“ verfasst habe [L. Ron HUBBARD, „Der Philadelphia-Doktoratskurs Band 2”, Los Angeles, 2003, S. 37 ff].

Im Mai 1950 veröffentlichte HUBBARD im „Astounding Science Fiction Magazine“ einen Aufsatz mit dem Titel „Dianetics. A new Science of the Mind“. Kurz darauf schob er das Selbsthilfe-Buch „Dianetik. Die moderne Wissenschaft der geistigen Gesundheit“ nach. Damit traf er in den USA einen Nerv; „Dianetik“ verkaufte sich sehr gut. Das Buch beschrieb mit der „Auditing“-Methode ein Verfahren, das es kurzfristig Ausgebildeten erlauben soll, mittels einer Fragetechnik verdrängte traumatische Erlebnisse des „Patienten“ auszulöschen. Diese würden unbewusst das geistige Potential blockieren und sogar psychosomatische Krankheiten verursachen. HUBBARDs Ansatz war zunächst ein rein psychotherapeutischer, ohne religiösen Anspruch und erkennbar von der Psychoanalyse Sigmund Freuds beeinflusst. Er selbst gab das offen zu, als er im Hinblick auf das „Hubbard Elektrometer“ (E-Meter) – ein einfacher Lügendetektor, der im „Auditing“ Anwendung findet – äußerte: „Die Elektronik haucht Freuds Theorie Leben ein [L. Ron HUBBARD, „The Technical Bulletins of Dianetics and Scientology Vol. 1“, Kopenhagen, 1991, S. 435 (Arbeitsübersetzung)].

„Dianetik“ wurde von der Fachwelt als unwissenschaftlich und dilettantisch verworfen; zu den Kritikern gehörte etwa der bekannte Philosoph und Sozialpsychologe Erich Fromm, der ein vernichtendes Urteil über die „Dianetik“ fällte. Vielleicht verweigert sich die SO deshalb bis heute in aller Regel einer wissenschaftlichen Überprüfung ihrer Versprechungen. Organisationsintern gilt „Dianetik“ als „Buch eins“, also als Beginn von HUBBARDs Lehre. Jedes Jahr im Mai feiert Scientology den „Dianetik-Tag“. Dass die erste Veröffentlichung in einem Science-Fiction Magazin erfolgte, fällt dabei unter den Tisch.

Scientology

Im Zuge der Vermarktung der „Dianetik“-Methode sammelte HUBBARD Anhänger um sich und baute erste Organisationsstrukturen auf. 1954 wurde die „Church of Scientology“ gegründet. Die SO führt dies auf HUBBARDs weitere Forschungen über den menschlichen Geist zurück. Kritiker werfen der Organisation dagegen bis heute vor, dass tatsächlich juristisch-taktische und steuerliche Gründe ausschlaggebend gewesen seien.

Aus Versatzstücken unterschiedlicher psychologischer Konzepte wie der Psychoanalyse oder der Verhaltensforschung entwickelte HUBBARD eine Methodik zur Manipulation des Menschen. Er besaß offenkundig das Talent, Ideen anderer aufzugreifen und für eigene Zwecke zu verarbeiten. Weder das „E-Meter“ noch der Begriff „Scientology“ dürften ursprünglich HUBBARDs Erfindung gewesen sein [Die Idee, einen Galvanometer auf diese Weise einzusetzen, geht auf den US-Chiropraktiker Volney Mathison (1897–1965) zurück, den HUBBARD in seinen Schriften auch erwähnt. Der Begriff „Scientologie“ dürfte von dem deutsch-argentinischen Juristen und Sozialdarwinisten Anastasius Nordenholz (1863–1952) stammen. Hierzu: Haack (Fn. 6), S. 65 ff]. Seine Konzepte erhielten überdies eine politische Stoßrichtung. Schon in „Dianetik“ hatte er behauptet, die Welt von Übeln wie Krieg, Verbrechen und Krankheit befreien zu können. Mit „Scientology“ erweiterte HUBBARD seine Lehre um Reinkarnationsvorstellungen, esoterische und Science-Fiction-Ideen, Verschwörungstheorien und gesellschaftspolitische Heilsideen.

In den Folgejahren wähnte HUBBARD sich und seine Organisation zusehends von Feinden umgeben. 1967 schuf der ehemalige Marineoffizier die „Sea Organization“ („Sea Org“): uniformiert, militärähnlich organisiert und seine ihm ergebene „Elite“. Bis heute stellt die „Sea Org“ die Führungskader der SO. HUBBARD fuhr auf einem eigenen Schiff, der „Apollo“, wieder zur See und und konnte mit seiner „Sea Org“ das Scientology-Netzwerk überwachen. Ehemalige Scientologen schilderten ihn als Despot, der schon bei geringen Verfehlungen drakonische Strafen verhängt habe. 

Vor allem ab den 1960er Jahren nahm die SO immer mehr die Züge einer totalitären Bewegung an, die „Abtrünnige“ und Kritiker rücksichtslos verfolgte. Das wurde besonders durch HUBBARDs berüchtigte „Freiwild“-Richtlinie deutlich, die es erlaubte, „Feinde“ durch jegliches Mittel zu schädigen oder auch zu vernichten [L. Ron HUBBARD, Führungsanweisung „Penalties for lower Conditions“, 18. Oktober 1967]. Nach Bekanntwerden wurde die Richtlinie angeblich aufgehoben – wegen „schlechter Public Relations“ [Zur „Freiwild“-Richtlinie: Freie und Hansestadt Hamburg. Landesamt für Verfassungsschutz (Hrsg), Der Geheimdienst der Scientology-Organisation, Hamburg, 1998, S. 19 ff].

Der „Schneewittchen“-Skandal

Die 1970er Jahre begannen für HUBBARD zunächst gut: Er erzielte durch Scientology erhebliche Einnahmen und lebte etwa ab 1975 wieder in den USA, zunächst in Florida. Dort hatte die SO in der Kommune Clearwater begonnen, Immobilienbesitz im großen Stil zu erwerben; heute dominiert sie ganze Stadtteile.

Das Jahrzehnt endete für HUBBARD und Scientology aber in einem Desaster; Grund dafür war ein Geheimprogramm der SO unter dem Codenamen „Snow White“ („Schneewittchen“): Die scientologische Geheimdienstabteilung „Guardian Office“ (GO) hatte ab Mitte der 1970er Jahre systematisch verdeckte Operationen gegen US-amerikanische Regierungsstellen durchgeführt, um sie auszuforschen und um für Scientology nachteilige Informationen zu eliminieren. Die Aktionen zielten besonders auf die US-Steuerbehörde, die über eine Steuerbefreiung zu entscheiden hatte. Nachdem 1976 zwei Agenten des GO mit falschen Ausweispapieren nachts im US-Justizministerium aufgegriffen worden waren, kam eine Lawine ins Rollen. 1977 führte die US-Bundespolizei Durchsuchungen in verschiedenen GO-Büros durch. Die Ermittlungen ergaben, dass das GO tausende Regierungsdokumente gestohlen und Polizeidienststellen infiltriert hatte. Sogar in das Büro des Generalstaatsanwalts war das GO eingebrochen, darüber hinaus hatte es auch Sitzungen der US-Bundessteuerbehörde abgehört [zu den Aktionen des GO: Ebenda, S. 32 ff].

1979 wurden die Verantwortlichen, darunter HUBBARDs dritte Ehefrau, die eine hohe Position im GO innehatte, zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt. Der Ruf von Scientology war schwer beschädigt. Zudem war HUBBARD bereits 1978 in Frankreich wegen Betrugs in Abwesenheit rechtskräftig zu vier Jahren Freiheitsstrafe sowie einer Geldstrafe in Höhe von 35.000 Francs verurteilt worden. Der SO-Gründer tauchte unter; um 1980 soll er das letzte Mal öffentlich gesehen worden sein.

Teil 2 folgt in der Januar-Ausgabe.