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20. Jahrestag einer fragwürdigen Steuerbefreiung

Scientology     9 | 2013

In einer bemerkenswert militanten Sprache feiert die „Scientology-Organisation“ (SO) derzeit bei internen Veranstaltungen sich selbst und den 20. Jahrestag ihrer fragwürdigen Steuerbefreiung in den USA. Die Feiern dürften auch vor dem Hintergrund erfolgen, dass die Organisation in letzter Zeit vermehrt mit schlechten Nachrichten zu kämpfen hat, die mit Propagandameldungen übertüncht werden sollen. Das Ziel dürfte sein, dass die Mitglieder etwaige Zweifel ablegen und weiterhin der Linie des Managements folgen.

„Der Krieg ist vorbei!“ Mit diesem Ruf verkündete 1993 der ranghöchste Scientology-Manager David MISCAVIGE vor tausenden zusammengerufenen, frenetisch jubelnden Scientologen in Los Angeles das Ende des so genannten „Krieges“ mit der US-Bundessteuerbehörde, dem Internal Revenue Service (IRS). Weniger als 15 Jahre nach Verurteilung von SO-Funktionären wegen schwerer Straftaten gegen den IRS hatte dieser der SO eine Steuerbefreiung wegen angeblicher Gemeinnützigkeit zuerkannt. Die Details blieben unter Verschluss. Die bis heute auch in den USA umstrittene Entscheidung wurde Gegenstand von Spekulationen und Verdächtigungen. Scientology hatte im Vorfeld nicht nur eine groß angelegte öffentliche Diffamierungskampagne gegen die US-Steuerbehörde betrieben. 1997 berichteten Medien, dass die SO mit massiven Methoden – durch den Einsatz von Privatdetektiven und eine Flut von gerichtlichen Klagen – solchen Druck aufgebaut habe, dass der IRS letztlich eingeknickt sei. [Zum Beispiel: „Scientology’s Puzzling Journey From Tax Rebel to Tax Exempt”, in: The New York Times, 9. März 1997.] MISCAVIGE selbst hatte seinerzeit triumphiert, Scientologen hätten 2.300 Klagen gegen „das mächtigste Finanzamt der Welt“ angestrengt. [SO-Broschüre „Die Zukunft von Scientology in aller Welt gewährleisten“, 1994.]
 
Interne Feiern
 
Nun jährt sich dieses Ereignis zum zwanzigsten Mal und Scientology lässt es sich natürlich nicht nehmen, ihren größten Triumph in internen Veranstaltungen zu feiern. Hierfür werden in den SO-Niederlassungen weltweit Veranstaltungen ausgerichtet, in denen auf DVD gebrannte Videobotschaften über das Ende des „Krieges“ mit der US-Steuerbehörde eingespielt werden.
 
Aktuell feiert Scientology auch noch einen „Sieg“ aus alten Zeiten. Im Jahr 1985 konnte die SO in Portland (Bundesstaat Oregon, USA) eine gerichtliche Klage gewinnen; dadurch soll sie hohe Schadensersatzforderungen abgewendet haben. Dies wird in der SO bis heute als „Schlacht von Portland“ verklärt. In einer aktuellen Botschaft des Scientology-Europachefs gebraucht auch dieser eine bemerkenswert militante Sprache. Darin ist nicht von einer zivilrechtlichen Klage, sondern von einem „Kreuzzug“ und „Schlachten“ die Rede. Scientology, eine friedfertige Religionsgemeinschaft?
 
Sollen schlechte Nachrichten überdeckt werden?
 
Dass derzeit auch die „Schlacht von Portland“ hervorgeholt wird, könnte mit den schlechten Nachrichten zusammenhängen, von denen die Organisation vermehrt heimgesucht wird. So gibt es Abwanderungstendenzen hin zu Abspaltungen von der SO. Zu den Aussteigern gehören ehemalige hochrangige Funktionäre, die bis heute massive Vorwürfe gegen die SO-Führung erheben, welche wiederum vom Scientology-Management heftig zurückgewiesen werden. Aussteiger berichten auch, dass einige glanzvoll eröffnete neuen Zentren („Ideale Orgs“) nicht etwa expandieren würden, wie behauptet, sondern zum Flop geworden seien. In einer „Vorzeigeeinrichtung“ von „Narconon“ in den USA – eine Scientology-Unterorganisation, die behauptet, Drogenkranke suchtfrei zu machen – hatte es laut Medienberichten innerhalb von etwa neun Monaten drei Todesfälle gegeben. Dies führte im August 2012 zu einer erheblichen Medienresonanz, die bis heute nachwirkt, wenn es um das Thema „Narconon“ geht. Vielleicht aber noch mehr macht Scientology der Ausstieg einer steigenden Zahl von Prominenten zu schaffen, mit denen sich die Organisation zuvor geschmückt hatte.
 
Der negative „Promi-Faktor“
 
Scientology setzt wie wohl kaum ein anderes Phänomen des politischen Extremismus auf prominente Fürsprecher aus der Film- und Unterhaltungsbranche, um Sympathien zu gewinnen. Die Organisation hat Personen des öffentlichen Lebens, die sie vereinnahmen konnte, stets gezielt als Werbeträger eingesetzt. Das ist nicht nur ein PR-Coup, sondern die „Celebrities“ dienen Scientology gerade auch in den USA als Türöffner, um mit Politikern ins Gespräch zu kommen.
 
Inzwischen wird die Liste der ausgetretenen Prominenten aber immer länger. Medienberichte nannten zuletzt Namen wie Paul Haggis, Lisa Marie Presley und aktuell die Schauspielerin Leah Remini. Wenn diese Prominenten dann auch noch offen über die Gründe ihres Ausstiegs reden, kann das eine erhebliche öffentliche Wirkung hervorrufen. Der „Promi-Faktor“ verkehrt sich für Scientology in sein Gegenteil.
 
Vermutlich holt Scientology für ihre Propaganda gerade deshalb alte Erfolge hervor, weil neue rar geworden sind. Natürlich bleibt ein Teil der Mitglieder von all den beschriebenen Problemen und schlechten Nachrichten nicht unberührt. Die Probleme der SO werden intern zwar weitgehend ausgeblendet, sie lassen sich in ihrer Gesamtheit aber wohl nicht mehr kollektiv verdrängen. Insofern soll die momentane, eher auf „alte Zeiten“ konzentrierte Propaganda wohl der Selbstvergewisserung der Scientology-Basis dienen. Die Mitglieder sollen möglichst euphorisiert werden, um etwaige Zweifel abzulegen und weiterhin der Linie des Managements folgen. Inwieweit das gelingt, wird die Zukunft zeigen.