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„Inside the Khilafah 7“ – kämpfende Frauen in der IS-Propaganda

Islamismus     3 | 2018


Anfang Februar veröffentlichte der „Islamische Staat“ (IS) ein Propagandavideo, das unter anderem eine kämpfende Frau zeigen soll. Eine genaue Analyse des Videos und die traditionelle jihadistische Haltung zu Frauen im Kampf lässt jedoch den Schluss zu, dass es sich bei den Bildern um eine PR-Kampagne handelt: eine Kampagne, mit der vor allem die mit dem IS sympathisierenden und assoziierten Männer zur Beteiligung am Jihad motiviert werden sollen.

Am 7. Februar 2018 gab das „Al Hayat Media Center“, eine der zentralen Medienstellen des IS, ein neues Propagandavideo heraus. Es ist etwa 20 Minuten lang und in arabischer sowie englischer Version abrufbar; der Titel „Inside the Khilafah 7“ verweist auf die gleichnamigen Reihe der Organisation. Eine der Hauptbotschaften dieser Produktion ist wohl das Narrativ des niemals aufgebenden IS. Darüber hinaus wird in dem Video eine angeblich kämpfende Frau gezeigt, gekleidet in Jilbab (langes weites Gewand) und Niqab (Gesichtsschleier), die von ihrer Schusswaffe Gebrauch macht. Frauen wie diese, so der kommentierende Sprecher, würden Rache nehmen „für ihre Religion und die Ehre ihrer Schwestern, welche im Gefängnis bei den Apostaten-Kurden“ seien. Wenngleich das Thema nur in einer kurzen Sequenz angerissen wird, ist die Frage nach den kämpfenden Frauen beim IS eine der brisantesten, die das Video aufwirft.

Beim Anblick dieser Szenen sollte nicht vergessen werden, dass es sich um ein Propagandavideo handelt und Propaganda grundsätzlich kritisch zu hinterfragen ist. So deutet das Ergebnis einer genaue Betrachtung des Videos einerseits und die Analyse des Gesamtkontextes „Frauen im Jihadismus“ andererseits eher darauf hin, dass die Darstellung der Frauen bloßes Blendwerk ist und nicht den Tatsachen entspricht.

Frauen und Jihadismus: Spannungsfeld zwischen Theorie und Praxis

Eine Beschäftigung mit der traditionellen Haltung des IS zur Frage der Frauen im Kampf zeigt durchaus ein Spannungsfeld zwischen Theorie und Praxis auf. Jihadisten jeglicher Couleur diskutieren das Thema kontrovers. In der Regel bilden die Vorstellungen zu adäquaten Geschlechterrollen das übergeordnete Konzept, Märtyrertum und Jihad sind dem untergeordnet. Mit anderen Worten: In der Theorie sind Frauen grundsätzlich von Kampfhandlungen ausgeschlossen. Das trifft auch auf den IS zu. In seinen Publikationen hieß es in der Vergangenheit zum Beispiel, die Frau sei vom Kampf „entschuldigt“ oder eine Teilnahme sei ihr „nicht ermöglicht“. In den offiziellen Beiträgen zeigte die Organisation jedoch andere mögliche Beteiligungsfelder für Frauen auf, zum Beispiel das Spenden. Aber theoretische Konzepte sind flexibel; das wurde deutlich, als der IS im Oktober 2017 in seinem Online-Newsletter „al-Naba“ schrieb:

„Wahrlich, im Laufe dieses Krieges gegen den Islamischen Staat, und es liegt darin eine Heftigkeit und Prüfung, kommt eine Notwendigkeit über die muslimischen Frauen, dass sie ihre Pflicht auf allen Levels in der Unterstützung der Mujahidun [Mujahidun/Mujahidat: Jihad-Kämpfer bzw. -Kämpferin; mit „Mujahidat-Frauen der ersten Truppe“ sind Frauen aus der islamischen Frühzeit gemeint, die an der Seite Mohammeds zur Expansion der Religion beigetragen haben sollen] auf diesem Schlachtfeld wahrnehmen, indem sie sich selbst als Mujahidat auf dem Weg Gottes erachten, bereit sind für die Verteidigung ihrer Religion mit ihren Seelen, sich opfern für die Religion Allahs, ihre Männer und Söhne anstacheln, und sie werden sein wie die Mujahidat-Frauen der ersten Truppe.“

Dass sich die Meinungen der politischen und religiösen Autoritäten zur Frage der Frauen im Kampf ändern, ist kein neues Phänomen. Ein Beispiel sind die Führer der palästinensischen HAMAS, die im Verlauf der Zweiten Intifada eine große Bandbreite an Haltungen zur Möglichkeit von weiblichen Selbstmordattentätern zeigten.

Überdies ist die Theorie auch immer im Zusammenspiel mit der Praxis zu sehen. Ebenso wie die HAMAS hat der IS – und zwar zu einer Zeit, als er sich noch „al-Qaida im Irak“ (AIQ) nannte – bereits punktuell Frauen für Selbstmordattentate eingesetzt. Vom Nahkampf waren sie bislang jedoch ausgeschlossen. Darüber hinaus war zu beobachten, wie einige Frauen außerhalb des „Kalifats“ Einzeltäteraktionen durchführten. Für sehr wenige Fälle liegen Hinweise vor, dass Frauen vor ihren (geplanten) Taten in Verbindung mit IS-Akteuren standen und von diesen instruiert wurden. Festzuhalten ist jedoch, dass sowohl die von Frauen durchgeführten Selbstmordattentate als auch die möglicherweise mit IS-Unterstützung geplanten Taten außerhalb des „Kalifats“ überaus selten vorkamen.

„Inside the Khilafah 7“ – Videoanalyse

Bei Betrachtung des veröffentlichten Videos „Inside the Khilafah 7“ ist zunächst die Kleidung der angeblich kämpfenden Frau von Interesse, namentlich Jilbab und Niqab. Es muss kritisch hinterfragt werden, ob sich hinter der Vollverschleierung tatsächlich eine Frau verbirgt oder nicht doch ein Mann. Auch das wäre kein neues Phänomen: So steckte die HAMAS in der Vergangenheit Männer in Frauenkleider – als Strategie, um bestimmte Ziele getarnt zu erreichen. Darüber hinaus ist zu fragen, wie praxistauglich diese Kleidung im Nahkampf ist, zum Beispiel wegen des eingeschränkten Sichtfelds.

Neben der im Fokus stehenden Szene mit der angeblich kämpfenden Frau sind in dem Video an einer anderen Stelle weitere Frauen mit Waffen zu sehen: In einer Stadt stehen sie mit einer Kalaschnikow bewaffnet hinter einem Pick-up. Der Kontext dieser Aufnahme bleibt jedoch unklar, es ist keine Kampfhandlung zu erkennen. Möglich ist, dass diese Frauen der „Khansa-Brigade“ angehören, der Sittenpolizei, deren Mitglieder mit Waffen ausgerüstet sind und diese als Drohwerkzeuge gegen die Bevölkerung einsetzen.

Weitaus häufiger als das Motiv der martialischen Frau findet sich im Video die Darstellung der Frau als Opfer. Dazu zählt das oben angeführte Zitat des kommentierenden Sprechers, in dem er auf die „Schwestern“ eingeht, die von den Kurden inhaftiert wurden. An anderer Stelle ist zu hören, dass die „Ehre unserer Schwestern verletzt“ sei – solche Aussagen dienen dem IS in seiner Propaganda traditionell als Legitimation für Kampfhandlungen. Im vorliegenden Video erklärt der Sprecher, dass die „Istishhadiyun“ (Selbstmordattentäter) Rache für die Frauen nähmen.

Interessant ist darüber hinaus, dass in dem Video behinderte bzw. stark verletzte IS-Kämpfer eine prominente Rolle einnehmen. Immer wieder sind Männer zu sehen, denen ein Bein fehlt. Darüber hinaus geht es um einen Kämpfer, der im Rollstuhl durch die Stadt gefahren wird, auf seinem Schoß liegt eine Kalaschnikow. Sein Fahrer ruft unentwegt: „Auf ins Paradies, unterstütze [deine Religion]!“ Später verabschiedet sich der Mann aus dem Rollstuhl von seiner weinenden Tochter, in diesem Zusammenhang wird sein Autobomben-Selbstmordattentat angekündigt. An einer Stelle heißt es im Zusammenhang mit den stark verletzten bzw. behinderten IS-Kämpfern, es handle sich um Männer, „(…) die nicht kapitulieren im Angesicht des Status Quo.“

Berücksichtigt man auch diese Szenen, so deuten die martialisch inszenierten Frauen eher auf eine kritisch subtile Botschaft an IS-Sympathisanten und Assoziierte hin; sinngemäß umschrieben: Ihr seht unser letztes Aufgebot, Frauen und verletzte Männer opfern sich für unsere Gesellschaftsutopie, wo bleibt ihr? Dies wäre ebenfalls kein neues Phänomen, auch die HAMAS verfolgte diese Strategie während der Zweiten Intifada. Damals wurden die „Märtyrertestamente“ von Frauen zuweilen für ähnliche Zwecke genutzt; in den Schriftstücken wurde zum Beispiel beklagt, dass es nur noch „Halbmänner“ in Palästina gebe – und die Frau mit ihrer Tat zeige, dass sie die Männerarbeit deshalb übernehmen müsse.

Vor diesem Hintergrund und solange es keine Belege von Seiten unabhängiger Beobachter gibt, sollte das Video „Inside the Khilafah 7“ als PR-Kampagne verstanden werden. Die Historie des IS und ein Blick auf andere jihadistische Organisationen zeigen, dass Frauen womöglich punktuell für bestimmte Aktionen (in der Regel Selbstmordattentate) rekruiert werden. Die traditionellen jihadistischen Ansichten zu Geschlechterrollen verhindern jedoch letztlich eine konsequente Einbindung der Frauen in den Jihad.