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„BAKKAH-Reisen“: Salafistische Reiseveranstalter und ihre Netzwerke

Islamismus     3 | 2019

Reiseveranstalter, die sich auf Saudi-Arabien spezialisiert haben, gewinnen unter den Anhängern des Salafismus immer mehr an Bedeutung. Die Firmen sind regional und international vernetzt. Auf den Reisen wird das salafistische Weltbild gestärkt, zudem kann es zu problematischen Kontakten mit einflussreichen Akteuren aus der Szene kommen. Solche Reisen können daher die Radikalisierung Einzelner verstärken.

Ein grundlegendes Element des Islams sind die sogenannten fünf Säulen, d. h. die fünf Grundpflichten, die für jeden Muslim gelten: Glaubensbekenntnis, tägliches Gebet, Almosengabe, Fasten im Ramadan und der Hadsch, also die Pilgerfahrt zu den heiligen Stätten in Saudi-Arabien im Monat Dhu al-Hijja des islamischen Kalenders. Jeder Muslim, der gesundheitlich und finanziell dazu in der Lage ist, soll mindestens einmal im Leben den Hadsch durchführen. Die Pilgerfahrt ist also ein zentrales Element für das diesseitige Leben eines jeden Muslims. Diesen Standpunkt vertreten auch Islamisten.

Angebote salafistischer Reiseveranstalter

Vor diesem Hintergrund ist es keine Überraschung, dass salafistische Akteure die Organisation solcher Reisen als Betätigungsfeld für sich entdeckt haben. Ein Anbieter, der sich darauf spezialisiert hat, heißt „BAKKAH-Reisen“ und sitzt in Mannheim. Auf einer eigenen Homepage und einem Facebook-Profil (4.900 Abonnenten) können sich Interessierte über die Angebote des Reiseveranstalters und seine Philosophie informieren. Kunden können Hadsch-Reisen buchen, die „große Pilgerfahrt“, für die ein Aufenthalt von etwa zwei Wochen in Saudi-Arabien angegeben wird. 2018 kostete eine solche Reise fast 5.000 Euro.

Der Veranstalter bietet aber auch Umrah-Reisen an. Dabei handelt es sich um die „kleine Pilgerfahrt“, die außerhalb des Monats Dhu al-Hijja stattfindet. Die Kosten für die Umrah sind mit etwa 1.500 Euro deutlich geringer als für den Hadsch. Auf ihrer Homepage kommentieren die Veranstalter die Kosten mit der Einschätzung „Deutschlands bestes Preis-Leistungs-Verhältnis“.

Für beide Angebote gilt laut Eigenangabe: Die Kunden besuchen die heiligen Orte mit einem Reiseleiter. „BAKKAH-Reisen“ wirbt an dieser Stelle mit den bundesweit bekannten Salafisten Ahmad ABUL BARAA und Pierre VOGEL, von denen sich die Reisenden „emotionale, mitreißende, inspirierende und imanstärkende [iman = Glaube] Vorträge“ versprechen dürfen. Darüber hinaus wirbt „BAKKAH-Reisen“ mit Direktflügen. Auch die Unterbringung in Saudi-Arabien findet Erwähnung: Sie soll immer fußläufig zu den heiligen Stätten sein, die Hotels sollen „zu den modernsten der Städte“ gehören. Auf Videos und Fotos sind die Kunden zudem mit „BAKKAH-Reisen“-Rucksäcken zu sehen, auch diese scheinen zu dem angepriesenen „besten Preis-Leistungs-Verhältnis“ zu gehören.

Die Eigen-Dokumentation belegt darüber hinaus, dass „BAKKAH-Reisen“ auch Frauen zu ihrem Kundenkreis zählt. Frauen und Männer reisen sogar gemeinsam an, das zeigen Fotos vom Gepäckband eines Flughafens. Dabei achten die Veranstalter jedoch auf eine größtmögliche geschlechtergetrennte Abwicklung. In einem Video ist zu hören, wie einer der Veranstalter die Männer auf die eine und die Frauen auf die andere Seite schickt. Die auf der Homepage eingestellte Checkliste für die Kunden zeigt aber auch, dass die weiblichen Reisenden nicht alleine unterwegs sein dürften. „BAKKAH-Reisen“ weist darauf hin, dass Frauen nur mit einem männlichen „mahram“ einreisen dürfen. Dazu zählen der Ehepartner oder andere männliche Verwandte, mit denen eine Eheschließung aus religiöser Sicht untersagt ist, also Bruder, Vater oder Großvater.

Wahhabitisch-salafistischer Einfluss auf den Reisen

„Am Ende Deiner Reise entlassen wir Dich in sha Allah [so Gott will] sündenfrei und mit einer geschärften Sicht auf die Dunja [das Diesseits]. Du wirst in der Lage sein, Dein Leben nachhaltig und weiterhin zu verbessern.“

Dieses Zitat veranschaulicht die Mission von „BAKKAH-Reisen“. Während die Beschreibungen zum inhaltlichen Programm vage bleiben, ermöglichen die Hinweise auf personelle Verflechtungen zumindest Interpretationen in dieser Hinsicht. Die beiden aktuellen Reiseleiter, Ahmad ABUL BARAA und Pierre VOGEL, fanden bereits oben Erwähnung.

Ein Flyer aus dem Jahr 2016 zeigt aber, dass „BAKKAH-Reisen“ auch auf in Saudi-Arabien verwurzelte Personen zurückgreift. So soll der Hadsch im genannten Jahr durch einen gewissen „Abu Latfia“ begleitet worden sein. Auf dem Flyer ist nur den Rücken dieses Mannes zu sehen. Zudem findet sich ein Verweis darauf, dass er zum damaligen Zeitpunkt „Medina Student“ gewesen sein soll. Es ist also davon auszugehen, dass „Abu Latfia“ in der wahhabitisch-salafistischen Lebens- und Gedankenwelt fest verwurzelt ist. Wenngleich zuletzt nur ABUL BARAA und VOGEL als Reiseleiter angegeben wurden, ist es sehr wahrscheinlich, dass der saudische Einfluss auf die Reisenden nach wie vor besteht. Es ist anzunehmen, dass die Reisegruppen nicht isoliert durchs Land pilgern, sondern immer wieder mit Akteuren der dortigen Szene in Kontakt gebracht werden.

Eine interessante personelle Verflechtung zeigte sich darüber hinaus im Rahmen der „Winter Umrah“, die wahrscheinlich vom 24. Dezember 2018 bis zum 4. Januar 2019 stattfand. Als Reiseleiter bewarb der entsprechende Flyer ABUL BARAA. Jedoch belegt die Eigendokumentation von „BAKKAH-Reisen“, dass dieser sich nicht alleine um die Reisegruppe gekümmert hat. Zu sehen ist vielmehr auch Amen DALI, ein salafistischer Akteur, der in Baden-Württemberg lebt. Seine Vorträge sind auf dem YouTube-Kanal „Riyad ul Jannah“ abrufbar. ABUL BARAA wiederum war im Dezember 2018 Zielperson einer Exekutivmaßnahme wegen des Verdachts der Terrorfinanzierung. Hierbei durchsuchten Polizisten auch die As-Sahaba-Moschee in Berlin, in der er als Imam fungiert.

Verbindungen zu anderen Reiseanbietern und Organisationen

Die Problematiken des salafistischen Einflusses gelten nicht nur für die Kontakte in Saudi-Arabien. Während es bei den Reisen jedoch vor allem um den direkten Einfluss auf die Pilger geht, steht in Deutschland die gegenseitige Bestärkung verschiedener salafistischer Akteure im Vordergrund. Die Dokumentationen auf der Homepage und auf Facebook belegen, dass „BAKKAH-Reisen“ Teil eines großen salafistischen Netzwerks ist.

„BAKKAH-Reisen“ selbst gehört zur HTG Group, ebenso wie die Reiseveranstalter „IME“ aus Mannheim und „GoMekka“ aus Gelsenkirchen. Die Internetauftritte der drei Veranstalter sind, was das Layout betrifft, nahezu identisch. Darüber hinaus verbindet sie dieselbe Service-Rufnummer in Gelsenkirchen, die Interessierten und Kunden für Rückfragen zur Verfügung steht. Fotos von einem Kurs, mit dem „BAKKAH-Reisen“ seine Kunden auf den Hadsch vorbereitet, zeigen darüber hinaus, dass der Veranstalter für die Präsentation Folien von IME benutzt.

Ferner scheint „BAKKAH-Reisen“ Beziehungen zur Missionierungskampagne „We love Muhammad“ zu haben. Im März 2017 nahm deren Verantwortlicher Bilal GÜMÜS an einer Umrah teil. In der Bildershow, die Eindrücke von den Reisen vermitteln soll, findet sich auch eine Aufnahme, auf der ein Reisender ein von „We love Muhammad“ herausgegebenes Buch in die Kamera hält.
Bei IME wiederum fungiert Marcel KRASS regelmäßig als Reiseleiter. Dieser hat Beziehungen zur in Österreich ansässigen Organisation „Iman“, die mit der „Islamic Education and Research Academy“ („iERA“) einem im Vereinigten Königreich ansässigen Vorbild nacheifert.

Amen DALI hat Beziehungen zu BLCK STONE GmbH, einem Reiseanbieter aus Nordrhein-Westfalen, der damit wirbt, dass all seine Gewinne an „Ansaar International“ fließen. Der salafistische Verein wiederum gibt an, humanitäre Projekte mit Geld zu unterstützen. An wen genau dieses fließt, ist jedoch nicht immer nachvollziehbar. Zudem ist davon auszugehen, dass die Organisation im Rahmen ihrer Projekte in weltweiten Krisenherden versucht, nicht nur Nahrungsmittel und Kleider, sondern auch ihre salafistische Lesart des Islams an die Menschen zu bringen. Auf einem Flyer bewirbt die Organisation DALI als Reisebegleiter für die „Winter Umrah“ 2018/2019 – diese ist auf dieselben Tage datiert wie die „Winter Umrah“ von „BAKKAH-Reisen“, für die DALIs Beteiligung belegt ist. Folglich ist von einer direkten Kooperation der beiden Reiseveranstalter auszugehen.

Vor diesem Hintergrund sollten salafistische Reiseveranstalter nicht unterschätzt werden. Sie arbeiten mit regionalen Stars der Szene und haben internationale Kontakte. Zudem ist von Deutschland aus nur ein kleiner Ausschnitt aus den Reisen sichtbar. Was sich unter der Oberfläche befindet, lässt sich nur ansatzweise erahnen. Die Verbindung zur BLCK STONE GmbH zeigt darüber hinaus, dass die Organisation solcher Reisen zur Finanzierung weltweiter salafistischer „Da’wa“-Bemühungen dienen können.