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Verbale Gewaltbereitschaft der islamistischen Szene nimmt zu

Islamismus
    11 | 2016

Auf deutschsprachigen Social-Network-Plattformen häufen sich in den letzten Wochen verbale Auseinandersetzungen innerhalb der salafistisch bzw. jihadistisch orientierten Online-Szenen. Massive verbale Drohungen gegenüber vermeintlichen Abweichlern sowie zwischen Sympathisanten und Gegnern des „Islamischen Staates“ (IS) sind dabei an der Tagesordnung – Symptome einer mittlerweile offen zutage tretenden tiefen Krise des gesamten islamistischen Spektrums. Inzwischen wird nicht mehr vor konkreten Todesdrohungen gegenüber einzelnen Personen zurückgeschreckt. Mäßigende Verlautbarungen werden dagegen kaum mehr publiziert.

Beispielhaft für die Auseinandersetzungen steht der Anteil von aggressiven Hassbotschaften gegenüber anderen Diskussionsteilnehmern auf bekannten Facebook-Seiten, der sich stark erhöht hat.

Ursächlich für diese Entwicklung ist eine Vielzahl von Gründen:

  • Neben dem klassischen Streit um Auslegungen innerhalb der islamischen Theologie geht es letztendlich auch um die Vormachtstellung innerhalb der deutschsprachigen Szene – und nicht zuletzt auch um Spendengelder.
  • Alle Strömungen konkurrieren immer schärfer und buhlen darum, schwindende Anhänger durch starke Worte wieder an sich zu binden. Ihre Online-Aussagen zeugen von einem hochgradigen gegenseitigen Misstrauen. Die Themen reichen von Unterschlagungsvorwürfen (Veruntreuung von Spendengeldern u. Ä.) bis zu Anschuldigungen, die jeweiligen gegnerischen Anhänger würden mit Nachrichtendiensten zusammenarbeiten.
  • Bei vielen Gerichtsverfahren von namhaften Gesinnungsgenossen zeigt sich inzwischen, das die Szene insgesamt faktisch nicht mehr in der Lage ist, sich strömungsübergreifend mit den Angeklagten zu solidarisieren und entsprechende Veranstaltungen sowie Demonstrationen zu organisieren.
  • Ein tiefe innere Zerstrittenheit der Hauptprotagonisten, die früher zugunsten der Sache eher zurückgestellt wurde, wird nun sichtbar. Weitere Radikalisierungs- und Spaltungstendenzen dürften folgen und zu einer zunehmenden Instabilität der Strömungen führen.

Insgesamt bedeuten diese Punkte zwar eine inhaltliche und personelle Schwächung aller Gruppen. Sie verringern jedoch nicht die Bedrohungslage, die vom in Deutschland vorhandenen extremistischen Spektrum ausgeht, ebenso wenig die Bedrohung innerhalb dieses Spektrums. Die bislang online belegbare Militanz könnte bald zu realen Auseinandersetzungen von Anhängern der verschieden Gruppierungen führen. Erste Hinweise, wie man sich auf einfache Weise bewaffnen kann (z. B. der Erwerb von Macheten über den Internet-Versandhandel), werden bereits diskutiert. Auf den verschiedensten Online-Plattformen hat sich die Zahl der Aufforderungen zu terroristischen Anschlägen in Deutschland an hier lebende Anhänger in den letzten Wochen ebenfalls stark erhöht.

Das erkennbare Scheitern der vom IS propagierten islamischen Gesellschaftsutopie, die damit einhergehende absehbare militärische Niederlage und der zusätzlich wachsende staatliche Verfolgungsdruck führen zu zunehmender Abwendung und mangelnder Attraktivität dieses Themas für Aktivisten in Deutschland. Somit treten zunehmend andere Aspekte in den Vordergrund der Diskussion. Aktuell sind keine charismatischen Führungspersonen zu erkennen, die diesen verhängnisvollen Abwärtstrend für die Szene stoppen und sie wieder konsolidieren könnten.