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Tatbekennungen der IS-Medienstelle AMAQ nach Terroranschlägen

Islamismus     11 | 2016

Die Medienstelle AMAQ ist inzwischen ein fester Baustein in der Propaganda-Architektur der Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS). Ihre Positionierung als vermeintlich unabhängige Instanz im Nachrichtenbereich, die Anschläge mittelbar für den IS reklamiert, hat sich seit Mitte 2015 über mehrere Monate herausgebildet; inzwischen ist sie für die Organisation ein fester Faktor der Selbstdarstellung nach einem vermeintlichen oder tatsächlichen Anschlag. In offiziellen Verlautbarungen und Videos bestätigt der IS dementsprechend nie die Existenz von AMAQ als eigene „Nachrichtenagentur“.

In der medialen Aufmerksamkeitsspirale fungiert eine AMAQ-Meldung inzwischen als vom IS verliehenes Echtheitszertifikat für eine eigene terroristische Tat. Der tägliche Output über die verschiedenen Social-Network-Kanäle beläuft sich auf 20 bis 30 Beiträge, in denen teilweise Kleinstereignisse in den regionalen Kampfgebieten als wichtige Siegesmeldungen verkündet werden. Seit einiger Zeit verfügt AMAQ über eine eigene App.

Insgesamt ist es wichtig, den komplexen Propaganda-Mechanismus des IS und die Nutzung von AMAQ genauer zu beleuchten. Dabei sind mehrere Arten von Kommunikationsabläufen bei Anschlagsszenarien zu unterscheiden:

Terroristische Selbstanbieter (wie in Magnanville/Frankreich am 13. Juni 2016, in Würzburg am 19. Juli 2016, in Ansbach am 24. Juli 2016 oder in Saint-Étienne-du-Rouvray/Frankreich am 26. Juli 2016) suchen im Vorfeld ihrer militanten Aktionen von sich aus über Zwischenpersonen oder direkt den Kontakt zu AMAQ. Unter Umständen übersenden sie vor der Tatausführung ein relevantes Bekennervideo oder sogar während der Tat Bild- oder Videomaterial (Geiselnahme in Dhaka/Bangladesch, 1./2. Juli 2016; auch: Magnanville). Die Kontaktaufnahme zu AMAQ über soziale Medien ist kein unüberwindbares Hindernis; mit etwas Insiderwissen lässt sich dies über szenebekannte Social-Network-Kanäle erreichen.

Bei Anschlägen, die der IS quasi „adoptiert“, besteht die zwingende Voraussetzung, dass der Attentäter bei der Ausführung zu Tode gekommen ist und möglicherweise Muslim war. Im Idealfall kam es während der Tat zu entsprechenden Signalen an die Umwelt, etwa „Allahu-akbar“-Rufen, oder es finden sich im Umfeld bzw. den Wohnungen der Attentäter (in der Regel selbstgefertigte) IS-Flaggen.

Hinsichtlich des Attentats von Nizza am 14. Juli 2016 gibt es bislang offenkundig keine belastbaren Belege für eine Verbindung zum IS oder gar eine Inspiration. Der Anschlag war aufgrund der Umstände für den IS-Propagandaapparat jedoch passend und wurde dementsprechend vereinnahmt. Ähnliches gilt für die Anschläge in Charleroi/Belgien am 6. August 2016 und den eigentlich erfolglosen Anschlag in Strathroy/Kanada am 11. August 2016. (Bei letzterem war der Attentäter, ein kanadischer Konvertit, den Sicherheitsbehörden bereits als ISIS-Anhänger bekannt.) Mittlerweile hat sich für derartige Fälle eine Standardformulierung einer AMAQ-Meldung herausgebildet; hier die deutschsprachige Variante:

„Sicherheitskreise zur ‚Amaq Agentur‘: Der Durchführer des Angriffs auf [jeweiliger Ort] ist einer der Soldaten des Islamischen Staates. Er führte die Operation durch, dem Aufruf folgend, die Angehörigen der Koalitionsarmee anzugreifen.“

Gelegentlich kommt es dabei auch zu Fehlern, z. B zu falschen Datumsangaben.

Diese Vorgehensweise birgt insgesamt ein gewisses Risiko, dass die Medienverantwortlichen des IS tatsächlich auf die falsche Karte setzten könnten – wenn sich etwa ein Ereignis im Nachgang von Ermittlungen als Tat eines nichtmuslimischen Psychopathen darstellt. Manchmal verzichtet der IS auch darauf, ein vordergründig geeignetes Ereignis zu vereinnahmen. Dies gilt z. B. für den Messerangriff in der S-Bahn in Grafing bei München am 10. Mai 2016 mit einem Toten. Anfänglich kursierten Pressemeldungen über angebliche „Allahu-akbar“-Rufe des Täters. Allerdings überlebte der psychisch kranke Attentäter, womit der Fall für die IS-Propaganda offenkundig ausschied.

Bei zwei möglicherweise vom IS inspirierten Anschlägen, die im ersten Halbjahr 2016 von Jugendlichen begangen wurden (Hannover, 26. Februar 2016; Essen, 16. April 2016), kann im Umkehrschluss davon ausgegangen werden, dass eine Verantwortungsübernahme durch die IS-Propaganda nicht opportun erscheint: Sie würde im Zweifel beweisen, dass die überlebenden, sehr jungen Attentäter eine terroristische Vereinigung im Ausland unterstützt haben.

IS-Erfolge rückläufig

Grundsätzlich ist zu bemerken dass sich das Format „AMAQ-Erfolgsmeldung“ in erster Linie an IS-Anhänger in der Peripherie und vor allem im IS-Kerngebiet in Syrien und im Irak richtet. Daher erscheint es den verantwortlichen Funktionären als wichtig, jedes auch nur im Mindesten geeignete Ereignis als Siegesmeldung zu verwenden.
Der IS befindet sich an allen Fronten in der Defensive; fast die Hälfte des Territoriums, das 2014 in schnellen Vorstößen erobert wurde, ist inzwischen wieder verlorengegangen. Der Zulauf an Kämpfern sinkt. Insgesamt kommt es kaum mehr zu spektakulären Siegen an regionalen Fronten.

Innerhalb der IS-Führung wurde im Frühjahr 2015 vermutlich eine neue strategische Ausrichtung der Angriffsziele vorgenommen. Der Fokus der Militanz wurde nun wohl auch auf Bereiche außerhalb des IS-Kerngebiets ausgedehnt. Dazu kündigte der führende IS-Medienfunktionär Mohammad AL-ADNANI [laut Bitkom-Studie von Januar 2015 gehen 89 Prozent der 16- bis 18-Jährigen mit Smartphones online und 85 Prozent dieser Altersgruppe sind in sozialen Netzwerken aktiv („Studie zu Kindern und Jugendlichen in der digitalen Welt“ vom 11. Januar 2015, in: https://www.bitkom.org; abgerufen am 5. Oktober 2016)] seit diesem Zeitpunkt mehrfach Anschläge in Europa an. Neben der aus Syrien nach Paris und Brüssel gesandten Kommandoebene um Abdelhamid ABAAOUD [Abdelhamid ABAAOUD galt u. a. als Drahtzieher der Anschläge von Paris am 13. November 2015] bestand für den IS zusätzlich die Hoffnung, durch erfolgreiche Anschläge andere Sympathisanten in Europa und weltweit zu eigenständigen Operationen zu inspirieren. Diese sollten vermutlich propagandistisch als eigener Erfolg verbucht werden.

Die „erfolgreichen“ Aktionen im Ausland müssen offenkundig den Verlust des Unbesiegbarkeitsmythos in der Selbstdarstellung des IS kompensieren. Interessanterweise wird in fast jeder der aktuellen AMAQ-Meldungen auf AL-ADNANIs Aufruf zu eigenständigen Anschlägen Bezug genommen. Damit ist zumindest ein Teil des Plans aufgegangen. Er spiegelt die verhängnisvolle Wirkung der ausgefeilten IS-Propaganda wider, die Menschen, die sich psychisch in einem Ausnahmezustand befinden, zu einem realen Anschlag im Sinne des IS motivieren soll – auch in der fränkischen Provinz (Würzburg, Ansbach).

Aus bislang nicht nachvollziehbaren Gründen sind allerdings vier große Anschläge mit hohen Opferzahlen, welche die türkische Regierung überaus schnell dem IS zuschrieb, bis heute ohne eine mediale Tatbekennung des IS geblieben (Suruc, 20. Juli 2015; Ankara, 10. Oktober 2015; Istanbul, 12. Januar 2016 mit elf toten deutschen Touristen; Atatürk-Flughafen Istanbul, 29. Juni 2016).