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Die ideologische Bekämpfung des IS durch Saudi-Arabien und Ägypten

Islamismus     3 | 2018

Die autoritären Regime in Saudi-Arabien und Ägypten führen über ihre islamischen Gelehrten einen ideologischen Kampf gegen die Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS). Dieser Anti-IS-Diskurs erscheint jedoch keineswegs als Selbstzweck, sondern dient als politisches Instrument zur eigenen Herrschaftslegitimation und -festigung. So werden der IS als Feind des Islam bezeichnet, politische Gegner pauschal als mit dem IS identisch denunziert und das saudische sowie ägyptische Regime zu Verteidigern des Islams hochstilisiert.

Der IS befindet sich in Syrien und im Irak territorial auf dem Rückzug. Diese Entwicklung ist nicht nur das Ergebnis militärischer Unterstützung von Seiten Russlands für das syrische Regime sowie des westlichen Verteidigungsbündnisses für die irakische Zentralregierung und die kurdischen Peschmerga. Seit September 2014 haben sich auch mehrere arabische Staaten der „Internationalen Allianz gegen den Islamischen Staat“ angeschlossen, darunter Marokko, Jordanien, die Vereinigten Arabischen Emirate und Bahrain. Daneben bekämpft Ägypten den IS seit Februar 2015 auf dem Nebenschauplatz Libyen. Diese Länder haben meist selbst massive Sicherheitsprobleme mit inländischen jihadistischen Gruppierungen, allen voran Saudi-Arabien mit „al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel“ (AQAP) und Ägypten mit dem IS-Ableger „Ansar Bait al-Maqdis“ im Nord-Sinai.

Spätestens seit Juni 2014 führen die genannten muslimischen Staaten ihren Kampf gegen den IS nicht nur auf militärischer, sondern auch auf ideologischer Ebene. Um die jihadistische Ideologie des IS anzugreifen und widerlegen zu können, benötigen sie religiöse Autoritäten, die über eine breite Legitimation innerhalb der muslimischen Welt verfügen. Hierbei stehen besonders zwei religiöse Institutionen des sunnitischen Islams im Vordergrund: die wahhabitischen Gelehrten in Saudi-Arabien als nicht-jihadistische, salafistische Akteure mit internationalem Wirkradius und die ägyptische al-Azhar-Universität als Zentrum der islamischen Gelehrsamkeit mit allen vier sunnitischen Rechtsschulen [Der Wahhabismus, entstanden im 18. Jahrhundert, ist eine puristische, traditionalistische Richtung des sunnitischen Islams und Staatsreligion in Saudi-Arabien. Die vier sunnitischen Rechtsschulen (Hanafiya, Malikiya, Schafiiya und Hanbaliya) unterscheiden sich in einigen Lehrfragen und in ihrer Auslegung von rechtlichen Bestimmungen sowie von Teilen der religiösen Pflichtenlehre].

Einheitlicher Anti-IS-Diskurs von religiösen Institutionen und Regimen

Die ideologische Konfrontation mit dem IS durch diese beiden religiösen Institutionen zeigt sich deutlich in internationalen arabischsprachigen Medien wie den Fernsehsendern al-Jazeera, al-Hayat oder al-Arabiya sowie bei lokalen Nachrichtenagenturen wie ash-Sharq al-Awsat in Saudi-Arabien oder al-Masry al-Youm und al-Ahram in Ägypten. Auffallend am Anti-IS-Diskurs ist dabei, dass die Aussagen der religiösen Institutionen jeweils weitgehend mit denen des saudi-arabischen Königshauses und des ägyptischen Regimes unter Abd al-Fattah as-Sisi übereinstimmen.

Im Fall von Saudi-Arabien ist dies durch die enge Verzahnung von politischer Ebene und wahhabitischen Gelehrten zu erklären, die seit dem staatsgründenden Bündnis des Stammesführers Muhammad Ibn Saud und des hanbalitischen Gelehrten Muhammad Ibn Abdel Wahhab im 18. Jahrhundert zum politischen Charakter Saudi-Arabiens gehört. Die Gelehrten bieten eine religiöse Legitimation für das Königshaus als gottgewollte, islamische Herrscherdynastie und wehren damit kritische Stimmen ab; im Austausch erhalten wahhabitische Akteure zum einen finanzielle Mittel, mit denen sie u. a. ihre Ideologie weltweit verbreiten, sowie zum anderen politische Einflussmöglichkeiten, um ihre Weltsicht rechtlich und gesellschaftlich verankern zu können.

In Ägypten ist das Verhältnis zwischen Regime und al-Azhar gekennzeichnet durch Phasen gemeinsamer Interessen und Abhängigkeiten. Zur Zeit des ägyptischen Sozialismus unter Präsident Gamal Abdel an-Nasser wurde die Universität in den 1960er Jahren verstaatlicht, ihr Großscheich als höchster Gelehrter fortan bis 2014 von der Regierung ernannt und die Institution so zum staatlichen Instrument ohne politische Rechte. Ab 1970 änderte sich die Beziehung unter Präsident Anwar al-Sadat, weil dieser darauf angewiesen war, dass die al-Azhar sein politisches Selbstverständnis als „muslimischer Vater aller Ägypter“ nach außen vermittelte. Im Gegenzug gewährte er der al-Azhar mehr Selbstbestimmung und Einfluss. Die daraus resultierende Loyalität zum ägyptischen Regime setzt sich weitgehend bis heute fort.

Die Analyse des Anti-IS-Diskurses der religiösen Institutionen zeigt, dass dieser klaren Mustern folgt: Zunächst wird der IS als nicht islamisch, ja sogar als Feind des Islams bezeichnet. Im nächsten Schritt werden auch andere lokale und regionale islamistische Organisationen allesamt pauschal als terroristische Gruppen eingestuft, allen voran die nicht-jihadistische „Muslimbruderschaft“ (MB). Schließlich werden das Königshaus in Saudi-Arabien und das ägyptische Regime als Verteidiger des Islams dargestellt. Damit erhalten sie die religiöse Legitimation, gegen diese Gruppen repressiv und militärisch vorzugehen. Folglich dient der religiöse Anti-IS-Diskurs auch als politisches Instrument zur Festigung der autoritären Herrschaft in Saudi-Arabien und Ägypten.

Der IS als Feind des Islams

Auf die Behauptung des IS, einen wahren islamischen Staat zu repräsentieren, erwiderte der Großscheich der al-Azhar, Ahmed at-Tayyeb:

„Der IS ist ein Missbrauch von allem, was der Islam repräsentiert“
„Er spricht im Namen des Islams während er nichts über den Islam weiß“

„[Der IS] begeht diese barbarischen und grausamen Verbrechen und gibt vor, dass dies die wahre Religion sei, indem er sich ‚Islamischer Staat‘ nennt, um sein neues und fehlgeleitetes Bild vom Islam zu verbreiten“

Die al-Azhar sieht den IS also im klaren Widerspruch zum Islam. Nach dieser Lesart ist er auch als Feind des Islams anzusehen, da er „den islamischen Lehren und Vorschriften, die zu Mitgefühl und Integrität aufrufen, schädigt und den gesunden Menschenverstand verletzt“. Der Großmufti Ägyptens, Shawki Allam, der neben dem Großscheich at-Tayyeb eine ebenso wichtige religiöse Rolle einnimmt und mit seinem Dar al-Ifta (Fatwa-Amt; Zentrum für islamische Rechtsfragen) eng mit der al-Azhar kooperiert, spricht dem IS sogar die eigene Religionsgrundlage ab, indem er sagt, der IS lese „nicht die Biographie des Propheten und seiner Gefährten“. Zudem bezeichnet er den IS als „satanische Terrororganisation“ und vergleicht ihn mit der frühislamischen extremistischen Gruppe der Kharijiten: „Der IS ist die Kharijiten dieser Zeit und sogar Tiere sind ehrenwerter als er.“

Der Großmufti Saudi-Arabiens, Abdulaziz bin Abdullah Al ash-Sheikh, äußerte sich in verschiedenen Stellungnahmen ähnlich über den IS:

„(…) sie entstellen das Bild des Islams im Ausland und schreiben dem Islam etwas zu, von dem er unschuldig ist, und sie behaupten, ein wahrer islamischer Staat zu sein, doch Allah weiß, dass sie nur Heuchler und Lügner sind“
„[Der IS repräsentiert] die Staaten des Unglaubens und der Dunkelheit und zählt zu den Feinden des Islams“
„Sie sind die größten Ungläubigen“
„Der IS ist nicht Islam, sondern der erste Feind des Islams“


Auch er verglich den IS mit den Kharijiten: „Diese ausländischen Gruppen gehören nicht zum Islam oder zur Familie der islamischen Offenbarung, sondern sind eine Erweiterung der Kharijiten“.

Pauschale Verurteilung anderer Gruppen als IS-identisch

Mit seiner Aussage, es bestehe „kein Unterschied zwischen den Organisationen IS, Ansar Bait al-Maqdis und der Muslimbruderschaft“, bezeichnet der stellvertretende Großscheich in Ägypten, Abbas Shuman, auch die MB als terroristische Organisation. Auf diese Weise legitimierte er einen entsprechenden politischen Umgang mit deren Mitgliedern. Damit äußerte sich die al-Azhar-Universität ganz im Sinne des ägyptischen Regimes, das die MB nach dem Militärputsch gegen Präsident Muhammad MURSI im Jahr 2013 als Terrororganisation einstufte. In diesem Kontext betont der ägyptische Großmufti Shawki Allam implizit, dass die MB der Feind Ägyptens sei, indem er sagte:

„alle Muslime verurteilen die Taten des IS und anderer terroristischer Organisationen, die das Land und die Bevölkerung zerstören“.

Großscheich Ahmed at-Tayyeb sieht hinter all dem eine jüdische Weltverschwörung:

„Alle Terrorgruppen sind koloniale Produkte, die dem Plan des Zionismus dienen, die arabische Region zu zerstören“.

Auch für den saudischen Großmufti sind die „Muslimbruderschaft“ und regionale Terrororganisationen mit dem IS gleichzusetzen:

„Militante Gruppen wie der IS, al-Nusra und die Muslimbruderschaft haben keine Beziehung zum Islam“
„Die Muslimbruderschaft ist ganz oben auf der Liste der terroristischen und extremistischen Organisationen, die ebenso den IS, die Houthis im Jemen, die al-Nusra-Front und die Hizb Allah innerhalb des Königreichs umfasst“
.

Neben der Diskreditierung der MB, die für ein bedrohliches ideologisches Gegenmodell zum religiös legitimierten Königshaus steht, ist hierbei besonders die Erwähnung der Houthi-Rebellen interessant. Diese schiitische Gruppierung lässt sich keineswegs im Jihadismus verorten; sie ist vielmehr ein außenpolitischer Gegner Saudi-Arabiens im jemenitischen Bürgerkrieg, dessen Bekämpfung mit der Denunzierung als Terrororganisation gerechtfertigt werden soll. Ähnlich äußerte sich auch der Hohe Rat der wahhabitischen Gelehrten:

„Die Taten von einigen Gruppen wie IS, al-Qaida, Ahl-al-Haq, Hizb Allah und den Houthis sind islamisch verboten und terroristische Verbrechen.“

Erkennbar ist hier auch eine starke Fokussierung auf extremistische schiitische Gruppierungen wie Ahl-al-Haq und „Hizb Allah“, die von Iran finanziert werden. So klingt auch die bekannte Feindschaft zwischen dem sunnitischen Saudi-Arabien und dem schiitischen Iran an, selbst wenn die Islamische Republik nicht namentlich erwähnt wird. Auch Saudi-Arabien sieht laut Aussage des Großmuftis diese Gruppen als „organisiert durch den globalen Geheimdienst, um die Muslime zu schwächen und zu diskreditieren“.

Repression und militärische Bekämpfung als Verteidigung des Islams

Nachdem oppositionelle islamistische Gruppierungen wie die „Muslimbruderschaft“ in Ägypten mit dem IS gleichgesetzt wurden, wird nun deren Bekämpfung als ein religiöser Kampf gegen die Feinde des Islams propagiert. Großscheich at-Tayyeb widersprach der Auffassung, dass der IS den Jihad führe, denn „Jihad ist im Islam nur erlaubt, um sich selbst, die Religion oder das Vaterland zu verteidigen“. Dieser Sichtweise stimmte auch Großmufti Allam zu:

„Der Islam ist ein Haus, das vor äußeren und inneren Feinden beschützt werden muss. Deshalb ist der Jihad ein notwendiges Instrument um einen solchen Angriff abzuwehren.“

Zwischen den Zeilen liest man hier, dass mit „inneren“ Feinden nicht nur die IS-Gruppierung „Ansar Bai al-Maqdis“ auf dem Sinai, sondern vor allem die MB gemeint ist. Das ägyptische Regime wird anschließend mit religiösem Vokabular zum wahren Verteidiger des Islams stilisiert und es folgen Aufrufe, „mit den kompetenten Behörden zu kooperieren, um dieses immanente ideologische Krebsgeschwür, das unsere Heimat und unsere Vaterländer bedroht, zu eliminieren“, denn „ihr [der ägyptischen Behörden] Krieg gegen Terrorismus ist ein Krieg für die Sache Gottes und eine Erlösung für die Religion von dieser bösartigen Sekte“.

Von der al-Azhar-Universität heißt es weiter, dass „jeder die Rolle des Staates mit Bezug auf diese Teufel mit geeigneten Maßnahmen unterstützen sollte, auch wenn deren Bekämpfung dazu führt, sie zu töten“. Mit Bezugnahme auf ein Koranzitat (Sure 5:33) ruft Großscheich at-Tayyeb wortwörtlich zum „Töten, Kreuzigen und Hände- und Beineabhacken der Terroristen“ auf und verwendet damit die gleiche Rhetorik wie der IS selbst für seine Feinde.

Dieser Argumentation folgend sind der staatlichen Repression gegenüber „Muslimbrüdern“ oder deren Sympathisanten in Ägypten somit keine Grenzen gesetzt. Das Regime von Abdel Fattah as-Sisi findet also im religiösen Anti-IS-Diskurs eine bewährte Möglichkeit, eigene politische Gegner als das Böse per se zu definieren, sie auszumerzen und somit die eigene Machtbasis um die religiöse Komponente – als Verteidiger des Islams – zu erweitern.

Saudi-Arabien spielt ebenso die religiöse Karte, indem der dortige Großmufti ash-Sheikh mit Bezug auf den IS ein essentiell bedrohliches Szenario entwirft: „Eure Religion wird bedroht, eure Sicherheit wird bedroht, euer Glaube wird bedroht“. Hierbei betont er die Rolle des Staates für „den Schutz der Grenzen und die Stabilität der islamischen Gemeinschaft sowie beim Bezwingen von jedem in- und ausländischem Feind mit eiserner Faust“. Mit diesem religiösen Freibrief kann das saudische Regime sowohl den Militäreinsatz im Jemen als auch härtere Anti-Terror-Maßnahmen im Inland rechtfertigen. Gerade was das Inland angeht, unterstreicht der Großmufti: „Die Sicherheit der Gemeinschaft ist die Verantwortung von jedem einzelnen, besonders seit den schwachsinnigen Revolutionen, die zu diesem Chaos führten“. Spätestens an dieser Stelle wird deutlich, dass mit inländischen Feinden auch alle Demonstranten seit dem „Arabischen Frühling“ 2011 gemeint sind. Dementsprechend könnte auch die aufständische schiitische Minderheit an der Ostküste als verlängerter Arm schiitischer Milizionäre – und demnach als mit dem IS identisch – denunziert werden.

Im Kampf gegen den Terror positionieren sich die wahhabitischen Gelehrten klar an der Seite des Königshauses und rufen zur Loyalität in der Bevölkerung auf: „Es ist notwendig, hinter der Führung dieses Landes und seinen religiösen Gelehrten zu stehen“, und „wir in Saudi-Arabien müssen dieses solide, alles zusammenhaltende Wesen [das Königreich Saudi-Arabien] erhalten“. Schließlich wird der saudische König in seinem religiösen Stellenwert für die Muslime nochmals hervorgehoben:

„Terrorismus ist ein grausames Verbrechen und diejenigen, die es begehen, verdienen eine gerechte Strafe gemäß den Vorschriften der Scharia – und das Recht diese aufzuerlegen liegt beim Wali al-Amr [auf Deutsch: „Führer der muslimischen Gemeinschaft“]“.

Der religiöse Titel Wali al-Amr ist in Saudi-Arabien eine der Bezeichnungen für den saudischen König – ein Ergebnis der religiösen Legitimierung seiner Herrschaft durch die wahhabitischen Gelehrten. Insgesamt präsentiert sich Saudi-Arabien, ebenso wie Ägypten, mittels der islamischen Gelehrten als Stabilitätsbringer und religiös legitimierter Verteidiger des Islams. Als Feinde des Islams können gemäß diesem Diskurs jedoch alle in- und ausländischen politischen Gegner identifiziert werden – was die autoritären Strukturen in Saudi-Arabien und Ägypten zusätzlich zu festigen vermag.