Sie sind hier: Startseite > Aktuelles > Meldungen  > Das Frauenbild in den IS-Publikationen

Das Frauenbild in den IS-Publikationen

Islamismus      12 | 2017

Die offiziellen Publikationen des „Islamischen Staats“ (IS), etwa „Dabiq“ und „Rumiyah“, dienen nicht nur der Kämpferrekrutierung und der Information. Sie verbreiten ebenso gezielt die Geschlechterideologie der Terrororganisation. Der IS skizziert dabei das Ideal einer Rollenverteilung und nimmt Bezug auf aktuelle Herausforderungen im „Kalifat“. Eine Analyse der propagierten Geschlechterideologie kann dazu beitragen, zu verstehen, was den IS für Frauen attraktiv macht: Die klaren Vorgaben der Ideologie geben Halt und Struktur, die weiblichen Rollenangebote werden heroisiert, das Eheleben wird romantisiert und die weibliche Opferetikettierung spricht den Wunsch der Frauen nach Gerechtigkeit an.

Die Attraktivität des IS war lange Zeit nicht zuletzt ein Ergebnis seiner hochprofessionellen Propagandaarbeit. Er betreibt mehrere Medienstellen, den „al-Bayan“-Radiosender, den arabischsprachigen Online-Newsletter „al-Naba“ und verschiedene Online-Hochglanzmagazine. Auf diese Weise produziert die Terrororganisation fortlaufend Texte, Audiobotschaften und Videos auf Arabisch und in zahlreichen anderen Sprachen. Inhaltlich diente die Propaganda zuletzt vor allem der Rekrutierung neuer Kämpfer und dem Aufruf zum weltweiten Kampf. Sympathisanten werden aufgefordert, Geld zu spenden, um den „Jihad“ zu unterstützen. Daneben informiert der IS in seinen Publikationen über aktuelle militärische Aktivitäten und Erfolge.

Häufig wirkt es, als seien die offiziellen IS-Medienprodukte ausschließlich an Männer adressiert. Bei genauer Analyse ist jedoch ersichtlich, dass der IS vor allem mit seinen Online-Publikationen eine konkrete Geschlechterideologie propagiert. So transportieren die Hochglanzmagazine „Dabiq“ und „Rumiyah“ und auch der Newsletter „al-Naba“ ein konkretes Frauenbild. Dies erscheint folgerichtig, denn die Geschlechterideologie nimmt innerhalb des islamistischen Gedankenguts eine zentrale Rolle ein: Islamisten streben nach einer – so propagieren sie – gottgewollten Ordnung, die einhergeht mit einer vermeintlich moralischen Gesellschaft. Letztere wiederum bedingt entsprechend dieser Logik eine vermeintlich moralische Familie. Sowohl für die Familie als auch für die Gesellschaft haben die Islamisten daher sehr genaue Vorstellungen von den Geschlechterrollen.

Aktionsraum und Aufgaben der Frau

Eine zentrale Position nimmt die Rollenzuweisung ein. Zunächst geht es um die regionale Verortung: Wo soll die Frau die ihr zugewiesene Rolle in Familie und Gesellschaft einnehmen? In den Publikationen wird die „Hijra“ (Ausreise) ins Herrschaftsgebiet des IS propagiert.

In einer „Dabiq“-Ausgabe beschreibt eine Frau, die sich als „Muhajira“ ausgibt, also als Frau, die bereits ausgewandert ist, wie es ihr nach ihrer Ankunft im „Kalifat“ des IS ergeht: Es sei etwas „[G]roßartiges“ in einem Land zu sein, in dem „das Gesetz Allahs“ gelte. Zugleich betont sie, „erleichtert“ zu sein, „diese Pflicht“ erfüllt zu haben [vgl. Dabiq Nr. 7, S. 50]. In der Tat betrachtet der IS die „Hijra“ von Mann und Frau als Pflicht; deutlich wird dies in einem Bericht des Newsletters „al-Naba“, der die angebliche „Hijra“ einer deutschen Muslimin nachzeichnet. Diejenigen, die nicht ins „Kalifat“ auswandern, werden in diesem Bericht mit einer Koransure eingeschüchtert, nach der ihnen die Hölle droht [vgl. al-Naba Nr. 49, S. 14].

Angekommen im „Kalifat“ erwartet die Frauen, laut den Publikationen, ein binäres Rollenmodell. Ihr Aktionsraum, laut IS die „Grundlage“ ihres Lebens und Handelns, ist vorrangig auf das Haus und den familiären Bereich beschränkt. In einer „Rumiyah“-Ausgabe widmet sich der IS der Frage, unter welchen Umständen die Frau sich außerhalb dieses Raumes und dieser Pflichten bewegen darf. Ein Überschreiten dieses Aktionsraums sei zwar möglich, aber zugleich abhängig von der „Notwendigkeit“. Das Hinausgehen dürfe allerdings nicht zur „Gewohnheit“ werden, dies widerspreche der Scharia, d. h. den islamischen Regelungen zur religiösen Praxis und der menschlichen Beziehungen [vgl. Rumiyah 3, S. 43, al-Naba 50, S. 10].

Darüber hinaus finden sich in den Publikationen Ausführungen, die das Verhältnis von Frau und Mann innerhalb der Familie festlegen. Der Mann wird als verantwortlich für die Frau und ihr Handeln beschrieben. Ihm obliegt es demnach, der Frau Verbote aufzuerlegen, wenn sie Scharia-Regeln überschreitet [vgl. Rumiyah 3, S. 43, al-Naba 50, S. 10]. Zugleich wird das Bild eines Ehemannes gezeichnet, der sich um sie kümmert: Er soll ihr zugewandt sein und ausreichend Zeit mit ihr verbringen. Der IS kritisiert Ehemänner, die „mit der Zeit [für ihre Frauen] geizen“ und sie „mit Gleichgültigkeit überhäufen“ [vgl. al-Naba 49, S. 10]. Die Umschreibung des männlichen Rollenmodells in der Ehe beinhaltet einen zentralen Aspekt der IS-Geschlechterideologie: Hier wird ein Gegenbild zum kämpfenden „Jihadisten“ skizziert: der empfindsame, hypermaskuline Mann, der kämpfen kann, sich aber seiner Ehefrau gegenüber gefühlvoll verhält, für sie sorgt und sie beschützt.

Die Frau wiederum soll ihrem Mann in seinem Sein und Handeln unterstützen. So ruft eine angebliche „Muhajira“ ihre Glaubensschwestern dazu auf, ihre Ehemänner, Brüder, Väter und Söhne zu beraten, sie zu trösten und zu unterstützen: „Macht die Dinge nicht schwer für sie. Erleichtert alle Angelegenheiten für sie“ [vgl. Dabiq 7, S. 51].

Zentral sind dabei die Rolle des Mannes beim „Jihad“ – im Sinne einer Teilnahme am bewaffneten Kampf – und seine daraus resultierende Abwesenheit vom Haus. Hier reagiert der IS auf aktuelle Herausforderungen, die das Leben in seinem Herrschaftsgebiet betreffen. Das deutet darauf hin, dass sich die Propaganda sowohl an Frauen richtet, die zur „Hijra“ motiviert werden sollen, als auch an solche, die bereits im „Kalifat“ leben.

Geldspenden für den bewaffneten Kampf

Entsprechend dem binären Rollenbild ist es nicht vorgesehen, dass die Frau am bewaffneten Kampf teilnimmt. In den Publikationen wird betont, dass sie vom Jihad „entschuldigt“ sei [vgl. Rumiyah 3, S. 35 und Rumiyah 1, S. 18 ff. und al-Naba 45, S. 14]. An anderer Stelle heißt es, die Teilnahme sei ihr „nicht ermöglicht“, was noch stärker darauf hindeutet, dass Frauen nicht für den Kampf vorgesehen sind [vgl. Rumiyah 3, S. 35.]. Es werden jedoch verschiedene Hilfsdienste und unterstützende Tätigkeiten erörtert, die für den bewaffneten Kampf wichtig seien. So ist in einem Artikel mit dem Titel „Oh Frauen gebt Almosen!“ die Rede vom „Jihad mit dem Vermögen“: Frauen werden aufgefordert, Geld zu spenden. Auf diese Weise würden sie einen Beitrag zum „Jihad“ leisten, weil die „Mujahidun“ (Kämpfer) damit ihre Ausrüstung kaufen. Dabei erfolgt eine Heroisierung ihrer Unterstützung: Schließlich, so die Propaganda, seien es die mit dem Geld der Frauen ausgestatteten „Mujahidun“, welche die Religion verbreiteten und die „Ungläubigen“ demütigten [vgl. Al-Naba 45, S. 14]. Darüber hinaus sei der „Jihad mit dem Bittgebet“ für die Frau verpflichtend, weil sie nicht am bewaffneten Kampf teilnehmen könne. Das Bittgebet sei laut den IS-Autoren eine „zerstörerische Waffe“:

„Dadurch werden die Katastrophen aufgehoben und das Verderben abgewendet. Damit wehrt der Gläubige die List der Feinde ab, erlangt die Gaben und verhindert Unglück“ [vgl. Rumiyah 3, S. 34].

Historische Bezugnahme

Ein beliebtes weibliches Rollenvorbild ist die historische Figur al-Khansa, die im 7. Jahrhundert lebte und häufig angeführt wird, um die unterstützenden Möglichkeiten der Frau beim „Jihad“ zu skizzieren. Auch der IS greift in seinen Publikationen auf dieses Rollenmodell zurück und nennt al-Khansa als Vorbild für die „Unterstützung des Ehemannes und des Sohnes.“ Dabei bezieht sich der IS auf die tradierte Geschichte, nach der al-Khansa ihre vier Söhne motiviert habe, den Jihad zu kämpfen, und sie somit in den Tod geschickt haben soll. Danach soll sie gesagt haben: „Gelobt sei Gott, der mich mit ihrem Tod geehrt hat.“ [vgl. Al-Naba 46, S. 9].

Erwähnenswert ist an dieser Stelle, dass der IS eine gleichnamige Brigade etabliert hat, die in den Medien zuweilen als militante Frauengruppe der Organisation dargestellt wurde. Tatsächlich handelt es sich bei der Khansa-Brigade jedoch um eine Art Sittenpolizei, mit der der IS die Frauen in seinem Herrschaftsgebiet drangsaliert: Die Aktivistinnen werden dafür eingesetzt, Frauen bei Verstößen gegen die von dem IS propagierten moralischen Normen zu verfolgen, zu verwarnen oder zu verhaften.

Reaktion auf Einzeltäter

Wenngleich IS-Veröffentlichungen die Teilnahme von Frauen am bewaffneten Kampf theoretisch ausschließen, so erfolgt doch eine Anpassung der Geschlechterideologie an die Realität. Der IS reagiert in seinen Publikationen auf sogenannte Einzeltäterinnen, also Frauen, die ohne feste Anbindung an den militärischen Bereich des IS Anschläge unter dem Banner der Organisation verübt haben. Die drei Frauen, die 2016 in Mombasa/Kenia eine Polizeistation mit Messern und einer Handgranate angriffen, wurden gelobt, weil sie den IS in seinem Kampf gegen die „Kreuzzügler-Staaten“ unterstützt hätten [vgl. Rumiyah 2, S. 52 f].

Auch über das Paar Rizwan FAROOK und Tashfeen MALIK, das Ende 2015 in San Bernardino/USA einen Anschlag in einer Behinderteneinrichtung durchführte, wird berichtet. Die beiden Attentäter wurden von der Polizei erschossen. Laut IS sei ihnen der Segen Gottes zuteil geworden, weil sie zusammen herausgegangen seien, um für die Verteidigung des „Kalifats“ gegen die „Kreuzritter“ zu kämpfen:

„Möge Gott das Opfer unseres edlen Bruders Rizwan Farook und seiner gesegneten Frau akzeptieren und sie unter den Märtyrern annehmen.“

Bemerkenswert ist, dass der IS das Beispiel der weiblichen Attentäterin hervorhebt, um diejenigen Männer, die sich bisher noch nicht für die Aufnahme militanter Aktionen entschieden haben, zu diskreditieren. So heißt es in dem Beitrag, dass Tashfeen MALIK ihre Tat in einer Zeit durchgeführt habe, in der sich viele männliche Muslime von der „Pflicht zum Jihad“ abgewendet hätten. Der Tenor dahinter: Wenn es eine ausreichende Anzahl von Männern gäbe, die den „Jihad“ kämpft, müsste sich keine Frau dazu aufmachen [vgl. Dabiq 13, S. 3 f].

Zuschreibung der Opferrolle

Neben dieser Rollenzuweisung, die den Aktionsraum der Frau innerhalb der Familie und für unterstützende Tätigkeiten im Jihad absteckt, erfolgt in den Publikationen auch eine Rollenzuweisung der Frau als Opfer der „Ungläubigen“. Die Opferetikettierung ist durchaus wichtig für die Jihad-Ideologie des IS, denn sie erfolgt zumeist als Legitimation für den Kampf gegen die „Ungläubigen“. So steht in einem Artikel mit dem Titel „Ratschläge an die Soldaten des Islamischen Staates“:

„Erinnere dich daran, dass der Feind deine Mutter und deine Schwester vergewaltigt hat (…).“ [vgl. Dabiq 6, S. 11].

In einem anderen Kontext schreiben zwei Kämpfer in ihrem Testament, das in „Dabiq“ veröffentlicht wird: „Die Keuschheit unserer Schwestern wurde verletzt.“ Dies ist Teil eines Appells an die Muslime, gegen die „Ungläubigen“ zu kämpfen:

„Zieht los zum Dschihad und verteidigt euren Islam, wo auch immer ihr euch befinden mögt.“ [vgl. Dabiq 7, S. 75].

Die proklamierten Rollenzuweisungen sind wiederum zu berücksichtigen, wenn sich die Frage nach der Attraktivität des IS für Frauen stellt – also letztlich die Frage, warum zum Beispiel die vier Frauen, die im Juli in Mossul von irakischen Sicherheitskräften festgenommen wurden, von Deutschland ins IS-Herrschaftsgebiet gereist sind [die vier Frauen wurden Mitte Juli 2017 von irakischen Regierungstruppen in Mossul verhaftet.]. Schließlich scheint die Geschlechterideologie der Organisation für einige Frauen durchaus reizvoll zu sein. Das betrifft zum Beispiel die klaren Strukturen, welche die Ideologie insgesamt und die Geschlechterideologie im Speziellen vorgeben. In einer komplexen, unübersichtlichen Welt kann die Orientierung an solchen Strukturen Halt geben, dies gilt gleichermaßen für Frauen und Männer.

Eine besondere geschlechtsspezifische Bedeutung hat jedoch die Heroisierung der weiblichen Rollenangebote. Während der Kampf der Männer per se heldenhaft erscheint, erfährt das Hausfrauendasein erst durch den IS eine Aufwertung. Es wird als genauso wichtig angesehen wie der bewaffnete Kampf des Mannes. Die Attraktivität, die sich daraus speist, mag noch mehr bei jungen Frauen mit Migrationshintergrund wirken, die aus traditionellen Familien kommen.
Ferner besitzt das propagierte Bild des empfindsamen Ehemannes eine starke Anziehungskraft: Es bedient romantische Vorstellungen der Frauen, die überzeugt sind, in Syrien oder im Irak ihren Märchenprinzen zu finden. Schließlich spricht auch die Opferetikettierung die Gerechtigkeitsutopie der Frauen in einer höchst persönlichen Weise an. Propagandabilder von verletzten und getöteten Kindern und Frauen in Syrien, die in der IS-Propaganda ausnahmslos als Opfer der westlichen Koalition oder des syrischen Regimes dargestellt werden, wecken den Wunsch nach Gerechtigkeit für diese Gesellschaftsgruppen – und die Frauen können zu der Überzeugung gelangen, dass nur der IS sich für die Gerechtigkeit einsetzt.