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"Muslimbruderschaft" | Die MB außerhalb Ägyptens

Wachsende Spannungen zwischen dem ägyptischen Regime und der MB aufgrund ihres Machtstrebens, ihrer gewaltsamen Aktionen und eines Umsturzversuchs führten breits seit Ende der 40er Jahre zu einem internen Verfolgungsdruck. Dadurch waren die Muslimbrüder nicht nur gezwungen, ihre Strategie durch Gewaltverzicht zu ändern, sondern viele von ihnen mussten auch ins Exil gehen. So konnte sich die MB-Ideologie mit zahlreichen Ablegern weltweit verbreiten. Hierzu zählt u. a. die „Islamische Gemeinschaft in Deutschland e.V.“ (IGD). 

Die Struktur der MB in Ägypten und ihrer nationalen Ableger und Institutionen ist unterschiedlich. Ebenso vertreten diese nationalen „Zweigstellen“ bzw. Ableger in einigen Punkten Positionen, die voneinander abweichen. Dies hängt mit den individuell verschiedenen Gegebenheiten hinsichtlich Gesellschaft, Politik und Wirtschaft in den jeweiligen Ländern zusammen. Das internationale Netzwerk der MB teilt jedoch Grundüberzeugungen, die mit demokratischen Prinzipien wie der Meinungsfreiheit, der Volkssouveränität und der Gleichberechtigung unvereinbar sind. Zu diesem Netzwerk gehören u. a. die palästinensische HAMAS, die tunesische „an-Nahda“ („Wiedergeburt“) und die – in Deutschland verbotene – „Hizb ut-Tahrir“ („Partei der Befreiung“). 


Deutschland und Europa

Die „Islamische Gemeinschaft in Deutschland e. V.“ (IGD) besteht (unter Einbeziehung ihrer Vorgängerorganisation) seit 1960. Ihr Hauptsitz ist . Sie steht in enger Beziehung zu den Jugendorganisationen „Muslimische Studentenvereinigung“ (MSV) und „Muslimische Jugend in Deutschland e. V.“ (MJD). Die IGD ist Mitglied im Zentralrat der Muslime in Deutschland (ZMD), der auch ihre Interessen auf der Bundesebene vertritt.

Auf europäischer Ebene ist die IGD Gründungsmitglied der „Federation of Islamic Organisations in Europe“ („Bund der islamischen Organisationen in Europa“, FIOE). Diese pflegt als europäischer Dachverband der MB die Auslandsbeziehungen. Sie sieht sich ideologisch dem Erbe des MB-Gründers Hasan AL-BANNA verpflichtet und betrachtet sich selbst als zentrale Anlaufstelle im sunnitisch-islamischen Bereich für Europa. Ihre Strategie ist darauf ausgerichtet, sich eine zunehmend starke Position zu sichern, um andere islamische Organisationen und Vereine kontrollieren und beeinflussen zu können. Die nationalen Verbände wie die IGD arbeiten an den von der FIOE formulierten Zielen mit. 

Der 1997 seitens der FIOE gegründete „European Council for Fatwa and Research“ („Europäischer Rat für Rechtsgutachten und wissenschaftliche Studien“, ECFR) widmet sich in erster Linie rechtlichen Problemen von Muslimen in der europäischen Diaspora. Eine zentrale Stellung nimmt hierbei die Scharia (islamisches Gesetz) ein, welches dem ECFR zufolge einen allumfassenden Charakter besitzt. Vorsitzender des ECFR ist der ägyptisch-stämmige Prediger Yusuf AL-QARADAWI. Er wirkt international in zahlreichen Lehrinstitutionen und Aufsichtsgremien beratend mit, die strukturelle oder personelle Schnittpunkte mit der MB oder saudisch-wahhabitischen Organisationen aufweisen. Im Nahostkonflikt nimmt er beispielsweise eine militante Haltung ein. AL-QARADAWI lehnt Friedensbemühungen nicht nur ab, sondern rief im Februar 2011 in Kairo sogar die ägyptische Armee zu militärischen Handlungen im Rahmen des Konflikts auf. In einem Fernsehinterview vom Dezember 2010 hatte er bereits geäußert, dass in der Palästinafrage allen Muslimen die Pflicht obliege, zum Jihad aufzubrechen. 

Jedes Jahr findet in Deutschland eine IGD-Jahreskonferenz in mehreren Städten statt. Zu diesen Veranstaltungen werden als Referenten auch bekannte Islamisten aus dem Ausland eingeladen, z. B. Führungspersönlichkeiten der „an-Nahda“, des tunesischen Zweigs der MB. 

Die Jugendarbeit nimmt bei der IGD einen wichtigen Stellenwert ein. Eine wichtige Kooperationspartnerin in diesem Bereich ist die 1964 gegründete „Muslimische Studentenvereinigung e. V.“ (MSV) mit Sitz in Köln. Zu deren bevorzugter Zielgruppe gehören vor allem Jugendliche, die in der zweiten und dritten Generation in der Diaspora leben. Die MSV ist mit über 35 Mitgliedervereinen an fast allen größeren Universitäten in Deutschland vertreten.

Die der IGD nahestehende „Muslimische Jugend in Deutschland e. V.“ (MJD), gegründet 1994, ist Mitglied der paneuropäisch agierenden Plattform „Forum of European Muslim and Youth Organisations“ (FEMYSO). 

Seit dem 11. Januar 2010 ist Samir Falah neuer Präsident der IGD, sein Stellvertreter ist Khallad SWAID. Letzterer war in den Jahren 2001 und 2002 Vorsitzender der MJD, ab 2002 war er einige Jahre lang Präsident des „Forum of European Muslim Youth and Student Organizations“ (FEMYSO), eines europäischen Netzwerks von islamischen Jugend- und Studentenverbänden. Im Kuratorium des FEMYSO saßen (in der Wahlperiode von 2007 bis 2011) auch der ehemalige IGD-Päsident Ibrahim EL-ZAYAD, der auch Vorstandsmitglied der FIOE war, sowie der Generalsekretär der „Islamischen Gemeinschaft Milli Görüs“ (IGMG), Oguz ÜCÜNCÜ. Hier zeigen sich die internationalen personellen und strukturellen Verflechtungen islamistischer Organisationen, deren Ideologie von der Muslimbruderschaft mit geprägt ist.


Weitere Informationen zur „Islamischen Gemeinschaft in Deutschland e. V.“ finden Sie im Verfassungsschutzbericht 2013 ab Seite 63.