Neonazismus | Strukturen

Die Entwicklung der Neonaziszene in Deutschland ist seit Jahrzehnten von Vereinsverboten und deren Folgen geprägt: Das Eintreten für die Wiedererrichtung einer NS-Diktatur führte bereits in den 1990er Jahren zu zahlreichen Verboten, was das Erscheinungsbild der Szene nachhaltig veränderte: An die Stelle fester Organisationsstrukturen traten zumeist lockere, organisationsunabhängige und informelle Personenzusammenschlüsse. Auf diese Weise sollten sowohl bereits ergangene als auch für die Zukunft erwartete Vereinsverbote unterlaufen werden.

Meist geben sich die betreffenden Gruppen den Anstrich privater Cliquen oder Freundeskreise und verfügen nur über eine regionale Basis, was auch in den Selbstbezeichnungen zum Ausdruck kommt (z. B. „Karlsruher Netzwerk“). Ferner sind sie vergleichsweise klein; in der Regel bestehen sie aus ca. fünf bis 20 Personen, meist jungen Männern. Allerdings können viele dieser Gruppen im Bedarfsfall auf ein Mobilisierungspotenzial zurückgreifen, das ihre Mitgliederzahl deutlich übersteigt. In Baden-Württemberg ist mittlerweile sogar ein Rückgang solcher informeller Personenzusammenschlüsse zugunsten von personellen Umfeldern und Mobilisierungspotenzialen festzustellen. Diese sind organisatorisch nur noch schwer abzugrenzen.

Die typische Aktivität besagter Gruppen ist der „Kameradschaftsabend“, der in Gaststätten oder Privatwohnungen stattfindet und keine Außenwirkung entfaltet. Hier haben politisch-ideologische Schulungen und die Vorbereitung von Aktionen ebenso einen Raum wie unpolitische Gespräche. Oft dient der „Kameradschaftsabend“ auch einfach nur dem Zeitvertreib.

Trotz des regionalen Schwerpunkts ist fast jede dieser Gruppen auch fest in die bundesweite Neonaziszene eingebunden. Darüber hinaus bestehen teilweise Kontakte zu anderen Teilen der rechtsextremistischen Szene sowie zu Gesinnungsgenossen im In- und Ausland. Innerhalb dieser netzwerkartigen Strukturen legen Neonazis einen erheblichen Aktionismus an den Tag, der sich vor allem durch die Teilnahme an zahlreichen Demonstrationen – auch fernab ihrer regionalen Basis – zeigt.

Überschneidungen zwischen der Neonazi- und der rechtsextremistischen Skinheadszene zeigen sich u. a. an der Existenz entsprechender Mischszenen und an der Teilnahme von Neonazis an Skinheadkonzerten. Teils werden solche Konzerte auch von Neonazis organisiert.